Sagenstandort:

07 | Der Geist in der Kleiderlade

Illustration einer Sage: Mehrere fromme Männer stehen auf einem Dachboden und bannen mit erhobenen Händen einen dunklen Geist, der aus einer geöffneten eisenbeschlagenen Truhe aufsteigt; staubiges Licht fällt durch ein Dachfenster, Spinnweben hängen an den Balken.

In einem Hause in Röllshausen trieb seit Menschengedenken ein böser Geist sein Unwesen. Womit der die Bewohner schon alle geneckt und geplagt hatte, das geht auf keine Kuhhaut. Heute rumpelte es nachts zwischen elf und zwölf Uhr durch alle Stuben und Kammern und dann die Treppe herab, als würden zehntausend Spannketten vom Boden in den Keller geschleift. Morgen rissen sich die Pferde los und tollten wie verrückt im Stalle herum, daß bei Tagesgrauen noch der Schaum faustdick auf ihnen stand. Diesmal blärrten die Schafe, grunzten die Schweine, gätzten die Hühner und heulte der Hund so kläglich, daß man’s durch das halbe Dorf hörte, und wieder ein andermal verkalbten die Kühe oder gaben Blut statt Milch. Es war rein nicht mehr zum aushalten! In seiner Not rief der Bauer gegen Geld und gute Worte ein paar fromme Männer herbei, die sollten den Unhold „verbannen“. Ihnen erschien der Geist zuerst als Schotenwisch (Erbsenstrohgarbe), dann als Haferbusch und zuletzt in leiblicher Gestalt und fragte, ob sie ohne Sünde wären und dadurch ein Recht dazu hätten, ihn zu beunruhigen.

Die Männer antworteten: „Ja, mit Wissen und Willen sind wir ohne Sünde.“ Da fing der Geist an zu zittern, und sie bezwangen ihn mit ihren Gebeten und bannten ihn in eine eiserne Kleiderlade, die auf der Lew (Hausboden) stand. Wenn jemand diese Lade berühre, solle der Zauberbann gebrochen sein. Jahrzehnte stand so die „Teufelslade“ da, gefürchtet und gemieden.

Sage auf Hochdeutsch anhören:

Sage auf Schwälmer Platt anhören: