06 | Begegnungen mit der weißen Jungfrau auf dem Metzeberg

Der Metzeberg ist dem Schönberg direkt benachbart. Doch anders als dieser ist er nicht bebaut, sondern seine runde Kuppe ist von Wald bedeckt. Dieser Berg mitten im Schwalmtal ist das Reich der weißen Jungfrau, wovon viele Sagen berichten.
Eines Morgens, als es noch dunkel war, blieben dem Fahrer des Milchwagens in einer Kurve vor dem Metzeberg plötzlich die Pferde stehen. Vor sich auf ebener Straße sah der Mann einen hellen, weißen Schein, etwa zwei Meter breit. Doch soviel er auch auf die Pferde einschlug, sie rührten sich nicht von der Stelle. Schließlich gab der Fahrer seine Bemühungen auf, steckte die Peitsche ein und wartete gelassen ab. Nach wenigen Minuten graute der Morgen, und die Glocken läuteten den Tag ein. Da erhob sich zwischen den Pferden eine weiße Gestalt, schwebte in etwa fünfzig Metern Höhe auf den Metzeberg zu und verschwand in einem Keller, von dem man noch heute erzählen hört. Die Schleppe des Kleides wehte lang hinter der Erscheinung her.
Drei Männer gingen eines Tages in den Wald, um Holz zu fällen. Sie hatten den ersten Baum schon halb durchgesägt, so dass er bald fallen musste, als sie in der Baumkrone etwas schreien hörten. Die Männer blickten nach oben – und sahen eine weiße Gestalt in der Baumkrone sitzen. Da ließen sie vor Schreck Axt und Säge fallen und rannten nach Hause, so schnell ihre Beine sie trugen. Als sie am anderen Morgen zu dem Platz zurückgingen, um das Werkzeug zu holen, war die Gestalt verschwunden, aber der Baum stand heil und fest vor ihnen, als ob sie nie an ihm gesägt hätten.
Vor vielen Jahren gingen ein Jäger und sein Freund auf den Metzeberg zur Jagd. Sie einigten sich, dass jeder für sich, jeweils auf der entgegengesetzten Seite des Berges, jagen sollte. An der Stelle, wo sie sich getrennt hatten, wollten sie sich wieder treffen. Es wurde schon dunkel, als der eine sich am vereinbarten Ort einfand. Sein Freund war aber noch nicht da, und so setzte er sich an den Wegrand und wartete bis spät in die Nacht hinein. Dann endlich ging er nach Hause, in dem Glauben, der Freund sei schon vor ihm gegangen. Aber es stellte sich heraus, dass er auch zu Hause nicht angekommen war. Am nächsten Tag ging der Jäger noch einmal zu dem Treffpunkt am Berg zurück, und richtig, als es gerade dunkelte, kam der Vermisste auf ihn zu. Doch er war um sieben Jahre älter geworden. Erschrocken fragte sein Freund ihn, wo er gewesen sei, doch der Jäger erwiderte: „Das darf ich nicht sagen!“
Die beiden sprachen nun nicht weiter über die Sache. Der Jäger war froh, heil davon gekommen zu sein. Man vermutete aber, dass der Verschwundene bei der weißen Jungfrau im Metzeberg gewesen war.
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